Postmigrantische Selbstverständlichkeit: Warum Migration keine Ausnahme mehr ist
Illustration: Sarah Blaser
Episode 17 mit Artan Islamaj
Die Schweiz schmückt sich mit vier Landessprachen, feiert ihre Neutralität und tut so, als sei Migration eine Ausnahmesituation. Diesmal holen wir uns Artan Islamaj an den Tisch, Co-Direktor des Instituts Neue Schweiz (INES), und stellen die Grundfrage neu: Was, wenn die "Neue Schweiz" längst die normale Schweiz ist?
Die Neue Schweiz existiert schon
Laut Bundesamt für Statistik haben rund 41 Prozent der Bevölkerung eine Migrationsgeschichte, bei einem weiter gefassten Begriff über 50 Prozent. Die Integrationslogik — hier das Volk, dort kommen Leute rein — bricht in sich zusammen, sobald man hinschaut, wer in der Schweiz tatsächlich lebt, arbeitet und liebt. Postmigration heisst: Migration ist kein Sonderfall mehr und kein Defizit. Artans neues INES-Projekt, "Swiss Dream", zerlegt dazu passend die Meritokratie-Erzählung — wer genug leistet, schafft es — und fragt, welche Barrieren dabei ausgeblendet werden.
Der Name als Filter
Artan erzählt, warum er darauf besteht, dass seine Schüler:innen ihn korrekt beim Nachnamen nennen: "Wenn ich sehe, dass du dich entfernen möchtest, kann ich dich einordnen, so wie du mich einordnest, indem ich meinen Namen sage." Der eigene Name wird so zum Test — für beide Seiten.
Kambez erzählt dazu seine eigene, sehr persönliche Geschichte: die Scham, den Namen des eigenen Vaters nie richtig ausgesprochen zu haben, und wie viele Hörer:innen erst durch den Podcast gelernt haben, dass es "Kambiz" heisst, nicht "Kambes".
Der Kernsatz der Folge
Aus diesen Erfahrungen entsteht der Satz, der der Folge ihren Titel gibt: "Ich muss nicht dankbar sein, dass ich hier geboren bin." Die erste Generation, so die These, ist mit Überleben beschäftigt — die zweite kann fordern. Dazu gehört der "Migra-Hustle": sehr früh ans Arbeiten gebracht werden, weil man muss. Der Vater auf dem Bau, während des Gymnasiums Fitnessstudios geputzt, erst mit 26, nach dem Master, richtig im Arbeitsmarkt angekommen.
Und dazu gehört die Einbürgerung als "Viehschau" — Kambez, mit 13 oder 14 Jahren allein vor sieben fremden Personen, später vor der Gemeindeversammlung, wo sein Lebenslauf öffentlich vorgelesen wurde und zwei Personen sich bei der Abstimmung enthielten.
"Einer der Guten"
Ein Satz, der gut gemeint klingt und laut Artan trotzdem "per se rassistisch und diskriminierend" ist: als "einer der Guten" bezeichnet zu werden. Das Gespräch geht der Frage nach, wie erkaufter Status — etwa durch den Militärdienst — trotzdem ein Gefühl von Sicherheit geben kann, ohne dass es sich je richtig anfühlt.
Daran schliesst die "Spirale" des Rassismus an: Eine neu migrantisierte Gruppe kommt immer wieder unten rein, während die vorherige aufsteigt und selbst zum Massstab wird. Rassismus verschwindet dabei nicht — er wandert weiter.
Weisser Feminismus und die Kopftuchdebatte
Ein eigener Gesprächsstrang widmet sich der Frage, warum kopftuchtragende Frauen an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen müssen: gegen Rassismus von aussen und für die eigene Stärke innerhalb der eigenen Community — und dabei von beiden Seiten oft übersehen werden.
Rassismus im Lehrerzimmer
Artan erzählt von seiner ersten Woche als Lehrer: unerkannt im Lehrerzimmer, hört er Kolleginnen defizitär über einen albanischen Schüler sprechen. Daran schliesst ein Gedanke an, den Kambez einbringt: "Zwei Bücher über Rassismus reichen nicht" — gelesenes Wissen ersetzt keine gelebte Erfahrung, und das hat direkte Konsequenzen für pädagogische Arbeit mit migrantischen Jugendlichen.
Ahmed erinnert sich an eine eigene Schulerfahrung: mit 14 wollte er eine Arbeit über das Judentum "aus neutraler Perspektive" schreiben. Die Reaktion seiner Lehrerin: "Du kannst nicht neutral sein, mit deinem Hintergrund." Neutralität, so die gemeinsame Schlussfolgerung, gibt es in solchen Zuschreibungen schlicht nicht.
Verstehst du dich als Schweizer?
Am Ende der Folge dreht Artan die Frage um und stellt sie Ahmed direkt zurück: Verstehst du dich als Schweizer? Es ist kein rhetorischer Moment — die Antwort bleibt ein echter, offener Dissens zwischen Gast und Host, und genau darin liegt die Stärke des Gesprächs: Es löst die Frage nicht auf, es macht sie hörbar.
Die ganze Folge gibt's überall, wo es Podcasts gibt.