Petro-Maskulinität: Wenn Männlichkeit am Öl hängt

Episode 18 mit Chandru Somasundaram

Diesmal sitzen wir zu dritt im Studio 2 in Bern: Ahmed, Kambez und Chandru Somasundaram, Klimaaktivist und Geschäftsführer beim WWF Solothurn. Der Anlass ist ein Begriff, der dieser Folge den Namen gibt — Petro-Maskulinität — aber bevor wir dort ankommen, führt das Gespräch durch Politik, Klassenfrage, Herkunft und die Frage, wer sich Klimaengagement überhaupt leisten kann.

Politik als Praxis

Chandru erzählt von seinem politischen Engagement: Wahlkampf für die Grossratswahlen im Kanton Bern, heute sitzt er für die SP im Berner Stadtrat und ist Co-Präsident der SP Stadt Bern. Eines seiner Projekte gerade: die Abschaffung der städtischen Einbürgerungsgebühren. Der Stadtrat hat dafür eine Mehrheit gefunden; vorbehältlich einer zweiten Abstimmung wäre Bern die erste Schweizer Gemeinde, die diesen Schritt geht.

Ahmed erinnert an die eigene Erfahrung: Seine Familie zahlte für die Einbürgerung zu fünft 7'100 Franken. Eine Zahl, die zeigt, wie sehr Einbürgerung in der Schweiz eine Geldfrage ist, nicht nur eine bürokratische.

Wer kann sich Klimaengagement leisten?

Kambez erzählt von seiner Studienzeit: Er arbeitete neben dem Studium rund 140 Prozent, konnte deshalb an keinem Freitag streiken gehen. Ein Kommilitone warf ihm das vor — "wir sind alle streiken gegangen und du bist nicht gekommen" — ohne zu sehen, dass das eigene Studium finanziert war, während Kambez sich das schlicht nicht leisten konnte. Ein Satz aus dem Tages-Anzeiger bringt es für ihn auf den Punkt: "Klima wird politisch, wenn weisse Menschen schwitzen."

Genau hier setzt ein zentraler Gedanke der Folge an: Individuelle Schuld beim CO2-Ausstoss bringt uns nicht weiter — die eigentliche Frage ist eine der Klasse. Wer kann sich Bioprodukte leisten, wer kann aufs Fliegen verzichten, wer hat überhaupt die Zeit, auf die Strasse zu gehen? Chandru bringt ein Beispiel, das diese Schieflage zuspitzt: In der Finanzkrise bekommt die UBS Unterstützung, während eine Pflegerin im Dauereinsatz nichts bekommt.

Nicht alles ist düster: 2025 wurde zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte weltweit mehr Strom aus erneuerbaren Quellen — Wasser, Wind, Sonne — produziert als aus Kohle. Ein Fortschritt, der laut Chandru in der öffentlichen Debatte zu oft untergeht.

Vier Achsen, eine oft vergessen

Das Gespräch wendet sich den grossen Analyseachsen zu: Sex, Race, Class — und einer vierten, die selten mitgedacht wird: Disability. Am Beispiel eines Freundes mit Multipler Sklerose, für den der Hitzesommer 2025 laut eigener Aussage "die Hölle" war, wird deutlich, wie sehr Klimafolgen und Behinderung zusammenhängen, ohne dass das im öffentlichen Diskurs auftaucht.

Chandru erzählt seinen eigenen Weg: vom WWF-Praktikum zur Geschäftsführung von WWF Solothurn, verbunden mit Lobbyarbeit auf kantonaler Ebene und ganz praktischer Arbeit — etwa dem Reinigen von Gewässern im Freiwilligeneinsatz.

Ein Begriff, der mehrfach auftaucht: kulturelle “Schizophrenie” — das Gefühl, von der eigenen Community als zu integriert und von der Schweizer Mehrheitsgesellschaft nie als ganz zugehörig wahrgenommen zu werden. Chandru nennt das eine "transnationale Erfahrung" und beschreibt sich selbst als "Exot" auch innerhalb der eigenen Familie. In diesem Zusammenhang berichtet Chandru auch, dass die SP Schweiz dieses Jahr eine Resolution zur Anerkennung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit an den Tamil:innen in Sri Lanka verabschiedet hat.

Kritisieren statt canceln

Ein Gesprächsabschnitt widmet sich der Frage, wie man migrantische Politiker:innen kritisiert, ohne sie zu canceln — Verbindung statt Ausschluss, manchmal wirkt ein Telefonanruf mehr als ein öffentlicher Post. Dabei kommt auch zur Sprache, dass migrantische Politikerinnen einen zusätzlichen, oft sexualisierten Hass abbekommen, den ihre männlichen Kollegen nicht in derselben Form erleben — und wie wichtig es ist, das als Mann mitzudenken, während man sich gegen Rassismus einsetzt.

Was ist eigentlich Petro-Maskulinität?

Dann der Begriff, der der Folge den Namen gibt. Chandru erklärt ihn: die Verschmelzung von Männlichkeit und fossiler Energie, geprägt von der US-Forscherin Cara Daggett. Von Trumps "Drill Baby Drill" bis zum Diesel-Truck als Statussymbol — Männlichkeit, die sich über das Verbrennen von Öl definiert.

Zwei Bilder machen das im Gespräch konkret. Erstens: "Sie nehmen mir meine Wurst weg" — die Eigentumslogik hinter der Angst der Privilegierten, von der Veganismus-Panik bis zu Bundesrat Röstis Verharmlosung der Übersterblichkeit im Hitzesommer 2025. Zweitens: die "Migra-Boys" — Chandru erzählt von der "Bahnhofsrunde", und stellt die Frage, wie man Klimagerechtigkeit einfordert, ohne auf junge, autoliebende Arbeiterklasse-Jugendliche einzudreschen, während die eigentliche Verantwortung bei den Konzernen liegt. Daran schliesst eine Beobachtung zu White Collar Crime an: Die Reichsten kommen praktisch immer irgendwie durch, während das Patriarchatsproblem an migrantische Jugendliche ausgelagert wird.

Warum es Keshmesh überhaupt gibt

Zum Schluss wird es persönlich: die Entstehungsgeschichte des Podcasts — als Stimme für junge Männer, die sich selbst darin wiedererkennen können, Selbstreflexion "in Liebe", ohne erhobenen Zeigefinger. Sehr ehrlich kommt dabei auch Chandrus eigenes erstes Vorurteil zur Sprache: Seine erste Reaktion, als er von Keshmesh hörte, bevor er den Podcast kannte, war genau das Klischee, das er heute selbst kritisiert — bevor ihm klar wurde, wie wertvoll ein solcher Podcast für ihn als Teenager gewesen wäre.

Der Schlussgedanke der Folge bringt vieles zusammen: Am Ende schadet das Patriarchat nicht nur Frauen und FLINTA-Personen — es schadet, in anderer Form, auch den Männern selbst.

Die ganze Folge gibt's überall, wo es Podcasts gibt.


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